Nachtanzdemo die Zweite

Hier unserer Redebeitrag von der Demo:

Vor etwas mehr als zwei Jahren standen wir schon einmal an diesem Ort, um die gemütlichen Mainzer Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Wir kritisierten hohe Mieten, das Fehlen von autonom gestalteten Freiräumen und eine auf Kommerzialisierung ausgerichtete Stadtplanung, die sich für eine Aufwertung von einstmals alternativen und bunten Wohnvierteln einsetzt. Aufwertung, die für diejenigen, welche nicht zu den Wohlbegüterten gehören, meist Ausgrenzung und Abdrängung an den Rand der Stadt bedeutet.
Was ist seitdem passiert?

Der Umbau des Zollhafens ist, trotz zahlreicher Gegenstimmen, in vollem Gange. Ganz bewusst wird hier um ein finanzreiches Publikum geworben, höhere Spitzenmieten für Vielverdienende und Unternehmen sind offen gewünscht. Der Raum, der sich vorher allen zur Erholung und Kommunikation sowie Jugendlichen und Studierenden bot, um dort kreativ tätig sein, ist verschwunden. Das Haus Mainusch, derzeit einziges autonom verwaltetes Kommunikationszentrum in Mainz ist in akuter Gefahr. Ebenso der anliegende Wagenplatz, dessen Bewohnerinnen und Bewohner bis Ende diesen Jahres einen neuen Wohnort finden müssen. Wir wissen nicht, ob es diesen geben wird. Die Mietpreise in Mainz steigen immer weiter. Gerade die Neustadt, einstmals ein noch erschwinglicher Wohnraum für finanzschwache Menschen weist immer höhere Mieten auf. Das Angebot für Jugendliche und junge Menschen – seien es Jugendzentren oder frei zugängliche Bolzplätze – ist begrenzt. Der Fußballplatz am Goethepark ist wegen ständig aufgeschobener Bauarbeiten geschlossen. Der ursprüngliche Stammplatz der Bunten Liga an der Zitadelle ist aufgrund der Beschwerde eines einzelnen Anwohners nur noch extrem eingeschränkt nutzbar.

Unserem Ruf nach einem Autonomen Zentrum wurde nicht statt gegeben. Die Neutorschule wurde uns nicht für eine Nutzung freigegeben. Die Stadt scheint zu keiner Kooperation bereit. Damit sind alternative Formen der Selbstverwirklichung und des Erlernens von kollektivem Handelns im städtischen Raum kaum möglich.
Die wenigen Orte, an denen wir uns jenseits von Kommerz und Kapital weiterbilden und frei entfalten können, sind in ihrer Existenz bedroht.
Und weil die Stadt Mainz die Schaffung solcher Räume weiterhin explizit verneint, müssen wir heute schon wieder antanzen. Wir sind heute wieder auf unseren Straßen unterwegs, um unserer Forderung nach Freiräumen und bezahlbarem Wohn- und Lebensraum Ausdruck zu verleihen!
Wir tanzen damit nicht nur für eine Veränderung der Verhältnisse hier in Mainz sondern überall. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die in Frankfurt um den Erhalt des Instituts für Vergleichende Irrelevanz kämpfen. Solange wir in einer Welt leben, in der Menschen tagtäglich mit Diskriminierung und Benachteiligung konfrontiert werden – sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihres Frauseins, ihres Aussehehens oder weil sie lieben möchten, wen sie wollen – stellen diese Freiräume für uns die einzigen selbstbestimmten Orte dar.

Wir fordern Freiräume, wie verschieden sie auch aussehen mögen. Doch eigentlich wollen wir noch mehr. Es geht uns um nichts geringeres als diese Welt zu entkapitalisieren und so zu gestalten wie wir es uns wünschen.
Unsere Träume voller Einhörner und Regenbögen mögen manchen unrealistisch erscheinen. Für uns sind sie der Anfang, diese Welt zu verändern. Utopie muss sein.
Freiräume sind erst der Anfang. Sie sind – ganz bewusst – unsere kleinen Inseln und Seifenblasen des Alltags um nicht kaputt zu gehen zwischen Arbeit, Steuererklärung und Konsumzwang. In denen die einzige individuelle Entscheidung nicht ist, ob ich Club Mate trinke oder Coca Cola. In denen sich selbst Entfalten nicht bedeutet, wie viel ich mir leisten kann.
Es sind Orte des Lernens. Orte, an denen eine autonome Selbstverwirklichung möglich ist.

Wir wollen den Erhalt alter und die Schaffung neuer Freiräume!

Selbstverwirklichung heißt für uns nicht, einmal im Jahr in die trunkenen Fassnachtsgesänge des Rosenmontagszugs einzustimmen. Wir wollen zu unseren eigenen Beats/Melodien tanzen.
Zwei Jahre ist es her, dass wir unsere Forderungen auf die Straße getragen haben, heute ist es wieder soweit und wir werden auch in Zukunft solange tanzen, nerven, singen und stören bis die Fassaden einer geordneten, überwachten und normierten Stadt zu bröckeln beginnen!
Denn wovon man nicht schweigen kann, darüber muss man tanzen!
Danke und los!

Mehr Infos

Aufruf!

Zwei Jahre ist es her, dass eine bunte Crowd tanzend durch Mainz zog, um auf horrende Mieten, Raumnot und Leerstände aufmerksam zu machen. Den 1.000 Nachttanzdemonstrant_innen gelang es, den Protest auf einladende Weise in die Öffentlichkeit zu tragen und weite Beachtung zu finden.

Freilich hat dieser einmalige Protest nicht ausgereicht, um die Kommunalpolitik zum Umdenken zu bringen. Sozialer Wohnungsbau findet in Mainz praktisch nicht mehr statt, und so konnte sich die Wohnraumsituation nur weiter verschärfen:

Die Mietenniveau zählt mittlerweile neben München, Frankfurt, Stuttgart und Hamburg zu den höchsten in ganz Deutschland. Wer also nicht gerade zu den Wohlbegüterten gehört, findet kaum überhaupt noch bezahlbaren Wohnraum. Dies betrifft vor allem Erwerbslose, prekär oder zu einem Niedriglohn Beschäftigte, aber auch viele Studierende und Familien mit Kindern.

Auch soziokulturelle Initiativen und Projekte werden immer weiter abgedrängt und finden kaum noch Räumlichkeiten für unkommerzielle Kunst und Musik, für Arbeitstreffen, Bildungsangebote und den Austausch zu sozialen und politischen Themen unserer Gesellschaft.
Nach dem Verlust der Kasematten, des Bootshauses und dem alten Südbahnhof musste nun auch das Atelier Zukunft schließen, und das Haus Mainusch auf dem Unicampus ist akut in Gefahr. Bald wird auch am Layenhof abgerissen – 80 Bands und die Clownsschule verlieren ihre Proberäume.

Städte wie Frankfurt oder Wiesbaden stellen Vereinen und Initiativen immerhin zahlreiche Bürgerhäuser bzw. Saalbauten zur Verfügung, wiederum anderswo gibt es lebendige Stadtteilzentren. In Mainz gibt es nicht einmal das. Und selbst die wenigen selbstverwaltete Freiräume, die ein vielfältiges soziokulturelles Leben ermöglichen, werden reihenweise abgeräumt oder kommerzialisiert.
Derweil hält die Stadt für immer neue Luxuswohndomizile, für Shoppingmalls, kommerzielle Großevents und „Leuchtturm“projekte stets Raum, Geld und ein offenes Ohr bereit. In Verbindung mit den weiterhin großen Leerständen können das die meisten Menschen nur als blanken Zynismus erleben.

Wir solidarisieren uns mit den gefährdeten Projekten in Mainz, dem Frankfurter IvI und allen akut bedrohten Freiräumen. Vor allem aber wollen und werden wir nicht länger zusehen, wie die Stadt immer mehr nach Profitabilitätskriterien umgestaltet wird und alles andere Leben unter die Räder kommt.

Daher werden wir Mainzerinnen und Mainzer unser Recht auf Stadt in den kommenden Monaten entschiedener denn je einfordern!
Als bunten Auftakt laden wir deshalb alle Menschen zur 2. Mainzer Nachttanzdemo ein, um sich die Straßen der Stadt auf kreative Weise anzueignen.

… denn wir alle sind die Stadt!